Page tree
Skip to end of metadata
Go to start of metadata


Relativismus (allgemein) =Haltung, die davon ausgeht, dass Erkenntnisse, Wissen oder moralische Werte nicht an sich, sondern nur in Beziehung zu bestimmten Kontexten, sozialen Lebensformen oder anderen Erkenntnissen bestehen, gelten oder betrachtet werden können (vgl. Rammstedt 2011).

Kulturrelativismus = Haltung, die davon ausgeht, dass jeder Wert und „jedes Moralprinzip nur innerhalb einer bestimmten Kultur gültig sei“ (van den Boom 2002; Hervorhebung im Original).

Als Gegenteil des Kulturrelativismus kann der Universalismus beschrieben werden, der davon ausgeht, dass bestimmte Moralprinzipien und Werte (typischerweise sind damit u.a. die Menschenrechte gemeint) über eine Gültigkeit verfügen, die u.a. kultur- und nationenübergreifend ist (vgl. ebd.).

Eine typische Kritik an vielen kulturrelativistischen Haltungen lautet demnach, zumindest dazu beizutragen, problematische soziale Praktiken zu verharmlosen oder gegen Kritik abzuschotten (vgl. ebd.). Für viele Menschen, die universalistische Haltungen vertreten, besteht wiederum das Risiko, nicht genug zu berücksichtigen, von welchem Ort aus sie sprechen, wie sie an diesen Ort gekommen sind (z.B. über Privilegien als weiße Personen) und ob ihnen von dort aus eher zugehört wird als Anderen. Dadurch geraten Differenzen und Kämpfe innerhalb einer Gruppe (siehe auch Intersektionalität) ggf. nicht in den Blick oder werden zum Verstummen gebracht (vgl. Hark/Villa 2017).

Dieser Punkt kann auch mit dem Problem zusammenfallen (das auch für viele kulturrelativistische Haltungen gilt), „Kulturen“ als mehr oder weniger fest abgrenzbare Zusammenhänge und Einheiten aufzufassen, denen einzelne Menschen zugeordnet sind, die dann eher als Vertreter/innen oder Angehörige einer Kultur erscheinen anstatt als eigenständige Individuen (vgl. Hark/Villa 2017 und Osterloh/Westerholt 2011).

Bezüge zur Sozialen Arbeit

Sozialarbeiter*innen können (z.B. in Jugendzentren) jugendlichen Adressat*innen begegnen, die unter strengen (ggf. mit dem Hinweis auf religiöse Traditionen begründeten) Verhaltensregeln und/oder -erwartungen ihrer Eltern ihnen gegenüber leiden und ggf. bereits begonnen haben, sich zur Wehr zu setzen.

Auch der gegenteilige Fall kann in der sozialarbeiterischen Praxis eine Rolle spielen, wenn z.B. heranwachsende Jugendliche ihr Verhalten mit kulturellen oder religiösen „Regeln“ begründen. Neben der Tatsache, dass dies oft nicht den tatsächlichen Normen der jeweiligen Religion oder kulturellen Gruppe entspricht, ist hier zu beachten, dass die Jugendlichen in ihrer „peer group“, also ihrer Bezugsgruppe von Gleichaltrigen/Gleichgesinnten, sich häufig sehr strenge Regeln geben und diese dann mit kultureller oder religiöser Zugehörigkeit begründen.

In solchen Fällen ist es wichtig, sich vor einem „kritischen“ Kontakt mit den Klient*innen (oder deren Eltern) mit eigenen möglicherweise vorhandenen Vorurteilen gegenüber solchen Situationen auseinander zu setzen und die Gründe zu reflektieren, die für dieses Verhalten eine Rolle spielen könnten.

Auch gilt es ggf., einen Spagat zwischen einer kultursensiblen Herangehensweise einerseits und der Orientierung an staatlichen Vorgaben und Bestimmungen andererseits professionell zu gestalten.

Literatur

Hark, Sabine/Villa, Paula-Irene (2017): Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart. Bielefeld: transcript.

Osterloh, Katrin/ Westerholt, Nele (2011): Kultur. In: Arndt, Susan/ Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast, S. 412–416.

Rammstedt, Otthein (2011): Relativismus. In: Fuchs-Heinritz, Werner et al. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie (5., überarbeitete Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 568.

van den Boom, Dirk (2002): Kulturrelativismus oder Universalismus? Hinweise zu einer schwierigen Entscheidung. URL: http://www.ahoi-home.de/PresseThemen/Archiv/MonatsThema0202.htm [17.02.2017].

Leuphana Universität Lüneburg / Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik / Projekt "KomPädenZ Potenzial" 2019


Haftungshinweis: Wir übernehmen keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich die betreibenden Personen oder Organisationen verantwortlich.

  • No labels